Was läuft bei den Visa tatsächlich schief?

Bevor ein internationaler Act überhaupt eine US-Bühne betritt, muss jemand in seinem Namen einen mehrere hundert Seiten starken Antrag einreichen: Presseausschnitte, Auszeichnungen, Empfehlungsschreiben, Vertragsdokumente der Veranstaltungsorte und einen detaillierten Tourplan, alles als Beleg dafür, dass der Act tatsächlich das geforderte Niveau hat. Laut der am 14. Juli veröffentlichten NPR-Recherche ist dieses Verfahren, das schon vorher über ein Jahr dauern konnte, langsamer, teurer und unberechenbarer geworden: Interviewtermine an US-Botschaften sind überlastet, und die Antragsgebühren sind deutlich gestiegen.

Die Vokalgruppe Kongero hat das direkt zu spüren bekommen: Sie beantragte ein Jahr Aufenthalt und bekam zwei Monate, was die geplanten Termine für Sommer, Herbst und Winter 2026 auf einen Schlag zunichtemachte. Enter Shikari strich beide Etappen ihrer Nordamerika-Tour 2026 sowie bereits gebuchte Termine bei Warped Tour und Summerfest. FKA twigs sagte ihre gesamte Nordamerika-Tour ab, Coachella eingeschlossen.

Warum schlägt ausgerechnet ein brasilianischer DJ Alarm?

Keiner dieser drei Acts kommt aus House oder Techno, aber genau dieses Muster beunruhigt Alok, den brasilianischen DJ, der 2025 nach vier Jahren auf Platz vier auf Platz drei der DJ Mag Top 100 kletterte. Alok hat einen Großteil seiner Karriere auf dem US-Festivalzirkus aufgebaut, einem Markt, auf dem das Einkommen eines DJs von der Zahl gespielter Termine abhängt, nicht von Streaming oder Plattenverkäufen. Er hat öffentlich klargemacht, dass die verschärften Visabedingungen genau diesen Weg für internationale Künstler bedrohen.

Ein Festival kann den größten DJ der Welt buchen. Findet die Botschaft keinen Interviewtermin rechtzeitig, ändert sich das Line-up trotzdem.

Was passiert mit Festival-Line-ups, wenn sich daran nichts ändert?

House und Brazilian Bass leben von einem globalen Kalender: Ein Act mit Basis in São Paulo oder Stockholm kann an einem Wochenende in Miami und am nächsten in Ibiza spielen. Ein Visasystem, das über ein Jahr dauert, immer teurer wird und statt zwölf auch mal nur zwei Monate bewilligt, macht aus diesem Kalender eine Wette, die Booking-Agenturen kaum noch planen können. Wenn Kongero, Enter Shikari und FKA twigs jetzt schon absagen, müssen Programmverantwortliche für die US-Festivals 2027 bereits Puffer für Acts einplanen, deren Visum vielleicht nicht rechtzeitig durchkommt, und manche Agenturen könnten ganz aufhören, US-Termine überhaupt zu versuchen.